Sonntag, 13. April 2014

Wenn der Tafelberg erzählt

Servus und Grüß Gott an alle Fans meiner Showbühne Kleinwalsertal. Gleich vorab, ich bin nicht wortkarg oder gar introvertiert. Bin nur anders als alle anderen meiner Artgenossen und nebenbei ein verschwiegener Theaterbesucher, genau das, was einen echten Fan ausmacht auf dieser prächtigen Plattform, in einer Höhe von über 2000 meter.

Als stummer Zeitzeuge erzähle ich -wenn überhaupt- nur etwas aus meiner eigenen, karstigen Seelenhöhle. Die stummen Betrachter gelten als ungefährlich, aber auch als unberechenbar und launenhaft, falls ihre Balance zerschmettert wird. Also ich fühle mich mit Euch Bühnendarsteller eng verbunden und verweigere jede Aussage über Euch Walser Erdmännchen. Ohhh, was ein Glück für so manchen unter Euch.


Ich freue mich, wenn die Monate mit dem weißen Pulver um mich herum wieder vorüber sind. In dieser winterlichen Auszeit am Berg fühle ich mich verarmt. Über meinem Haupt liegt Schweigen, wie Rauchwolken über Euren gewinnsüchtigen Häusern. Das ist mir zu fad´, denn ich kann ja mit meinen verwachsenen Beinen nicht weg von diesem Podium. Meine Freunde sind die Menschen mit ihrer bunten Betriebsamkeit. Und es wird Euch verwundern, ich bin ein wahrer Technik-Freak und träume von maschinenmäßigen Giganten, die mir viele neue Freunde bringen. Ich gebe alle meine Stimmen, dass zu meinen klotzigen Füßen moderner Fortschritt passiert. Zu abendlichen Stunden kommt mir stets Vieles zu Ohren, wenn mich der Dorfwind streift und sein Dorfklatsch-Gepäck auf mein Haupt fallen lässt. Seitdem fühle ich mich wie rattig vor Neugierde und rätsle schon, was um mich herum ausgebrütet wird. Auf jeden Fall bin ich offen für jegliche Veränderung. Und trotzdem habe ich großes Bauchweh, dass ihr mich und meinen einsamen Artgenossen in Eurer Leichtigkeit vergesst und sich Eure vielen Winterfans verdrießlich auf ein Nimmerwiedersehen abwenden. Ich wünsche mir mit meinem Mittelberger Kumpel ein Leben miteinander, verbunden wie ein Paar.

Ich vertreibe mir winters die Zeit, wenn in der Dunkelheit farbige Riesenmaschinen um mein Fundament herum unterwegs sind und die weißen Massen durchkneten und glatt walzen wie Walser Nudelteig. Dabei schaffen sie mit Kräften, als wäre alles nur Müsli. Hilft der Walser Vollmond noch zu leuchten, kann ich mich gar nicht genug satt sehen an diesen kriechenden Robotern. Und wenn dann noch von allen Seiten Luftküsse geflogen kommen, fließen auch mal kalkige Tränen über meine Furchen, und ich vergrabe für einen Moment mein karstiges Angesicht unter dem weißen Longsleave-Hemd.

Tags freue ich mich wieder am Andrang der bunten Schneesportler, unterwegs in kleinen Gruppen, an der Spitze ein pfiffiger Jemand, in leuchtendem ROT gekleidet, wie im Österreich-Banner, mit irgendeinem Hoheits-Zeichen darauf. Diesen Jemand, ganz in rot, kann ich gleich erkennen, weil ROT meine Lieblingsfarbe ist und sie mir unübersehbar  entgegenleuchtet. Und die im roten Sportgewand sind wahre Lehrmeister in diesem Walser Schnee. Die „kleine bunte Bande“ hinter einem solchen Könner klebt während der Verschnaufpause dicht an ihrem genialen Vorfahrer. Die Walser Schmore hat in den jungen als auch reifen Gesichtern dieser talentierten „Sonnenbuben“ kosmetische Feinarbeit vollbracht. Das scheinen „Walser Originale“ zu sein. Solche Szenen heizen mich auf, wenn ich diese pfiffigen Originale in ihrer Einzigartigkeit beobachten und bewundern kann. Dann ist der Winter kurzweilig am Berg. Manchmal zwinkert mir auch einer zu, weil wir um ein Geheimnis miteinander wissen.

Da sind noch die bunt schillernden Boarder mit einem breiten Brett, ganz komisch und schräg, wenn sie sich darauf fortbewegen. Sie tragen bei diesem Hobby kleine Knöpfe in ihren Ohrmuscheln. Das alles kann mein karstiges Sehwerkzeug erkennen. Voller Übermut sind sie auf der Suche nach frisch geschneitem Schnee mit weißem Pulver, ohne Spuren. Sie üben sich in meiner favorisierten Mulde in waghalsigen Luftsprüngen, die manchmal in Bauchlandungen übergehen. Dabei können sie sich nicht mehr halten vor Lachen und Grölen, so viel Spaß haben sie in meiner mit viel Schnee verfrachteten Mulde. Gigantisch für mich, diese „junge“ Vorstellung. Denn wann liegen mir „altes Haus“ so fetzige junge Leute zu Füßen. Ich fühle mich mehrfach verjüngt nach solch einer Darbietung.

Dann beschaut mich unentwegt und heiß auf Abenteuer ein Leute-Mix rund um die Hütten-Einkehr und zeigt mit ausgestrecktem Finger auf mein gekröntes Gipfeldach. Unmittelbar überkommt mich diese fast lähmende Angst, mich in Schneegeräten besteigen zu wollen. Dieses winterliche Abenteuer ist nahezu unerträglich für meine knochigen Schultern und verschafft mir akute Gänsehaut. Bei einem solchen Kollaps schüttelt sich alles, so dass Geröll und Schnee in Bewegung kommen und die Sportler wie Karten durcheinandergemischt werden. Solche Naturkräfte schlummern in mir. Ich hoffe, Ihr begreift, was ich meine. Mehr mag ich heute nicht mehr erzählen, sonst werde ich gar traurig. Und Traurigkeit weckt neue Gänsehaut. 

Jetzt sinkt meine Stimmung mit ein paar unguten Erinnerungen. Drum beende ich jetzt meinen ersten Seitenblick aus dem Walser Bergwinter in über 2000 meter Höhe, und der Rest des Tages gehört meiner Entspannung unter der Walser Sonne. Ich rate Euch, macht keinen Blödsinn um mich herum, und nehmt einen echten Winterguide als Euer Handbuch. Diese Walser Profis, reich an Erfahrung und Wissen,  lassen Euch wieder sicher nach Hause kommen. Aber nur die mit dem richtigen Hoheitszeichen auf ihrem roten Dress, denn nur dann seid Ihr mit echten „Walser Originalen“ unterwegs, und nur die wissen Bescheid, wie es um die gefährliche Gänsehaut steht.

Ein gut gemeinter Rat von Eurem Walser Giganten