Sonntag, 28. April 2013

Walpurgisnacht

Heute hab’ ich Lust auf eine kleine Reise und überlege woooohin ?  Nachdem wir gerade vor der Sommerpause den letzten Monat mit „r“ schreiben, entscheide ich mich spontan für einen Flug in die „Walpurgisnacht“. Ja, Ihr habt richtig gelesen.
 
Schnell und auf leisen Sohlen tauche ich ab in die Kleiderkammer in meinem herrlichen Zauberhaus. Denn für die Walpurgisnacht muß man tauglich sein. Ich durchwühle alles, was schwarz und hässlich ist. Dann entscheide ich mich für die älteste Leiche dieser Zauberkammer, einen langen schwarzen Spitzenrock, der besonders gut auf einem Besen weht. Über meine Schultern schwinge ich ein betagtes Wolltuch meiner Oma, das bis jetzt immer wieder der Kleidersammlung entkommen ist. Und ganz wichtig, den schwarzen Filzhut mit breitem Krempelrand und steiler Spitze. Schlußendlich werden noch Schneide- und Eckzahn geschwärzt – und mein Spiegel zeigt mich perfekt tauglich zur Hexennacht. Auf geht’s zur Waid – in unseren Zauberwald. Da kenne ich mich mehr als gut aus, weil auf Kindheitsbeinen wöchentlich mit meinem Vater dort ein- und ausgegangen und seinen Geschichten gelauscht.

Und das wichtigste Utensil für heute hole ich jetzt aus seinem Versteck. Meinen im letzten Vollmond selbst gebundenen Besen, der zu 100 % flugtauglich sein soll. Da bin ich mir sicher. Übrigens sollte so etwas jeder im Haus haben,  um dann und wann mal davonfliegen zu können. Und jetzt geht’s los, Hex Hex.

Der Vollmond leuchtet wie ein durchsichtiger Ball, und wie ich auf dem Turbobesen durch die Lüfte rausche, kommt es mir vor, als ob ich im Mondbild liebe Seelige erkennen kann, die mir sogar zuwinken und das Labyrinth zu ihnen deuten versuchen. Und schon wäre ich beinah’ vom Besen gestürzt und kann mich gerade noch fangen, so turbulent treibt’s mein Besen mit mir. Ich klammere mich fest an diesem Flugkörper und gebe ihm mit Nachdruck meine Richtung an, damit er direkten Kurs nimmt zu meinem Ziel Waid 1. Und schon hat er gehorcht und mich direkt auf dem Dach abgesetzt. Der Zauberbesen kreist mit magischer Vollmondkraft noch wie ein XL-Glühwürmchen um die Waid 1 herum, bis er direkt neben mir auf dem Hexenboden parkt.

Ich bin hin- und hergerissen, was für Schaaren groß und klein auf den Beinen sind. Wie spannend, wenn unser heiß geliebter Winter verabschiedet und der Walser Bergfrühling willkommen geheißen wird. Ich freue mich, wie dieser Hexentreff angenommen wird, obwohl diese Tradition nicht hier ihr Wurzeln hat. Was ein Kontrast-Programm, dieses herrliche Zauber-Rendevous. Sie kommen sämtlich verkleidet als Hexen, mit Fackeln in Händen und verwandeln unseren herrlichen Part „Waid“ in eine große Naturbühne. Kleine und große Zauberer mit schaurigen Hexen begeistern das kleine und große Publikum. Ich fühle mich an meinem Logenplatz, wie in einem Breitband-Kino.

Viele kleine und große Hexen lassen kleine Scheiterhaufen brennen und sammeln sich rundherum mit Besen, Mistgabeln oder Plüschhexen und reiben sich zum Spaß mit schwarzer Hexensalbe ein, um besser oder überhaupt fliegen zu können. Dabei werden zum Hexenpunsch Schmalzbrot mit Gänseblümchen angeboten. Das alles bei viel und lautem Gelächter, bis man sich überwunden hat, in die kleinen Blümchen zu beißen.

Und jetzt ist’s soweit – die Band „Walser Engel“ stürmt die Naturbühne und heizt dem verhexten Publikum mit coolen Songs so richtig ein. Stimmung im Walser Zauberwald. Das ist Walpurgisnacht bei Walser Vollmond – sooo schön wie’s schöner gar nicht sein kann.

Dann werden beliebige Gegenstände mit einem Zauberspruch dem Feuer übergeben, als „Garaus“ für unseren Walser Winter. Und - um Mitternacht wird mit sagenhaftem Höhenfeuerwerk und Trompetensolo dem Winter Servus gesagt und die letzten Reste Winter vertrieben.

...und schon liegt etwas Neues, Besonders in der Luft - ein Hauch von Frühling streicht uns allen um die Nase. Die Hormone geraten zunehmend in Wallung, die gute Laune steigt weiter an, und alle miteinander würden wir gerne die kleine Walser Welt umarmen und uns neu verlieben - in wen oder was auch immer, vielleicht in unseren Walser Berg-Frühling.

Wie herrlich, mein Besen und ich sind auf dem Nachhauseweg. Doch wir haben Start-Schwierigkeiten. Ein heftiger Ruck, und wir streifen einen Baumwipfel, jetzt Nachbars Wohnmobil samt Hühnerstall. Mein Herz schlägt Purzelbaum, ich habe keinen Halt mehr – und jetzt – ein heftiger Rumser – und ich fliege samt Besen zu Boden. Wir haben Mitternacht verpasst, keine Zauberkraft mehr. Walpurgisnacht ist vorbei. Wir müssen nach Hause laufen, mein Zauberbesen und ich. Ich spür’s erst jetzt, keine Schuhe und Strümpfe an meinen Füßen. Also geht’s barfuß weiter. Der Vollmond hat sich auch gerade hinter die „Riezler Alp“ verschanzt und aufgehört, uns heim zu leuchten. Wie von aller Welt plötzlich verlassen. "Flutsch" rutsche ich gemein aus auf einer glitschigen Masse und abermals wieder. Es ist etwas sehr übel Riechendes. Jetzt habe ich’s erkannt, Hundehäufchen wurden zu meiner Falle. Hex Hex, mein Besen und ich haben den pünktlichen Abflug verpasst.

Aber trotz üblem Ausrutscher in der Finsternis - schön war’s wieder, wenn Tradition gefeiert wird. Ein alter Brauchtum lädt wieder mal ein – zur Vertreibung der Wintergeister und Willkommensgruß dem Frühjahr. Walpurginacht. Vielleicht seid auch Ihr ein nächstes Mal dabei.

Und übrigens - wer es nicht glaubt, in dieser Nacht werden auch Männer zu Hexen. Einfach drunter schauen, in der Walpurgisnacht ist alles erlaubt, was Spaß macht. Hex Hex – also bis zum nächsten Mal. Hex Hex…..